Winterzeit, die Hochsaison für Stürze!

Univ.-Lektor Dr. Wolfgang Gruther
Univ.-Lektor Dr. Wolfgang Gruther, FA für Phys. Med. und allg. Rehab.

Die Winterzeit stellt vor allem ältere Menschen vor zusätzliche Herausforderungen. Da wird der Einkaufsweg schnell einmal zum Hindernisparcours. Neben schlechten Sichtverhältnissen durch weniger Tageslicht sorgen Schnee und Glatteis für zusätzliche Schrecksekunden. Stürze aus geringer Höhe sind bei älteren Menschen häufig Auslöser schwerer Verletzungen, langer Leidenswege und schlechter Genesung. Diese Stürze ereignen sich daheim im (gewohnten) Lebensumfeld, als Fußgänger im öffentlichen Bereich und aufgrund interner (z.B. krankheitsbedingt) oder externer (Hindernisse, Unfälle) Ursachen.

 

Warum ist Sturzprävention wichtig?

Stürze und deren resultierende Verletzungen bedeuten ein großes Problem für die Österreichische Bevölkerung. Etwa 33% aller Personen im Alter ab 65 stürzt zumindest 1 x pro Jahr. Die Sturzhäufigkeit und die daraus resultierenden Verletzungen steigen jedoch mit Alter und Gebrechlichkeit weiter an, auf Grund von Muskelschwäche, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Knochenschwund (Osteoporose). Neben harmlosen Prellungen erleiden jedoch 20-30% milde bis schwere Verletzungen. Mehr als die Hälfte der Spitalsaufenthalte nach Unfällen bei Personen ab 65 Jahren betreffen Stürze. Die teils schwerwiegenden Erkrankungen für Spitalsaufenthalte nach einem Sturz sind: Hüftbrüche, Schädel-Brüche und Armbrüche. Nach Stürzen mit Hüftbrüchen sterben 20% der Betroffenen innerhalb eines Jahres. Zusätzlich besteht nach einem Sturz das erhöhte Risiko des "Poststurzsyndroms", das Abhängigkeit, Autonomieverlust, Verwirrtheit, Bettlägerigkeit und Depression beinhaltet und zu einer weiteren Reduzierung der Aktivitäten im täglichen Leben führt.

Leider zeigen aktuelle Forschungsdaten dass es in Österreich in den letzten Jahren zu einem Anstieg von Oberschenkelbrüchen gekommen ist, wohingegen in anderen Ländern ein rückläufiger Trend sichtbar ist.

Aber auch junge Menschen sind vor Unfällen und Stürzen nicht gefeit. Im Jahr 2010, waren 5,5% der österreichischen Todesfälle durch Unfälle verursacht. Trauma ist die häufigste Todesursache bei jungen Menschen (Alter 10 – 45 Jahre) und deutlich höher im Vergleich zu Herz Erkrankungen oder Krebs. Von den persönlichen und gesellschaftlichen Folgen her betrachtet sind Unfälle die wichtigste Erkrankung.

Wie stürzen ältere Menschen?

In der Studie von Robinovitch et. al. wurden Personen in Pflegeheimen per Kamera beobachtet, wann und wie sie stürzen. Dabei wurden 227 Stürze bei 130 Individuen ausgewertet, der häufigste Grund für Sturz war unkorrektes Gewichtsverlagern (bei 41%), gefolgt von Stocken und Stolpern (21%), Stoß und Schlag (11%), Verlust der Stütze (11%) und Kollaps (11%). Rutschen bedingte in dieser „sicheren“ Umgebung nur 3% der Stürze. Die drei Aktivitäten, bei denen am häufigsten Stürze auftraten, waren Vorwärtsgehen (24%), Stillstehen (13%) und Niedersetzen (12%).

Warum stürzen ältere Menschen?

In einer anderen Studie von Davenport et al. Wird beschrieben, dass Personen, die während eines Spitalsaufenthalts einen oder mehrere Stürze hatten, auch ein deutlich höheres Sturzrisiko nach der Entlassung zu Hause zeigen. Vor allem in der Zeit direkt nach der Spitalsentlassung ist das Sturzrisiko am höchsten. Ein Screening und Interventionen zur Reduktion von Stürzen können bei dieser Hochrisikopopulation angesetzt werden.


Scanaillet beschreibt den Kern des Sturzproblems. Die Balance ist auf drei Arten eingeschränkt, wenn wir altern:

1.       weil die sensorischen Inputs, die das Gleichgewichtssystem informieren, weniger empfindlich werden

2.       weil die Fähigkeit des Gehirns, die Information des Gleichgewichtssystems in eine Reaktion umzusetzen verlangsamt ist

3.       weil die Fähigkeit des muskuloskeletalen Systems Gleichgewicht zu halten und bei Störungen schnell zu reagieren durch Muskelschwäche oder Schmerzen eingeschränkt ist.


Eine Studie aus New Jersey untersuchte Fußgängerunfälle bei Personen über 65 Jahre und zeigt signifikante Zusammenhänge zwischen dem Verletzungsrisiko und Alter, Geschlecht, Familienstand und Einwohnerdichte. Eine GIS Analyse zeigt, dass ältere Personen das höchste Unfallrisiko als Fußgänger haben, wenn sie sich nahe ihrem Zuhause befinden, speziell innerhalb einer Meile. Ältere Unfallopfer (mit Todesfolge) als Fußgänger waren überproportional oft Männer ab 75 Jahren aus Orten mit überdurchschnittlich hoher Einwohnerdichte und im Umkreis von einer Meile zu ihrer Wohnung.

Welche Maßnahmen zur Sturzprävention sind wirksam?

Schutz vor Frakturen beinhaltet Verhaltensänderungen und Umgebungsmodifikation.
Gesunder Lebensstil ohne Rauchen, mit niedrigem Alkoholkonsum, Gewichtskontrolle und
angemessener Bewegung schützen vor Sturz. Das eigene Gesundheitsverhalten, wie
beispielsweise ein entsprechender Anteil an simplen Gehstrecken bewahren Gesundheit und
Unabhängigkeit. Spezielle Bewegungstherapien die Kraft, Ausdauer und Balance beinhalten reduzieren das Sturzrisiko zusätzlich. Darüber hinaus ist es sinnvoll die Wohnungs-Umgebung zu adaptieren um Stürze zu vermeiden: Treppenschutzeinrichtungen, Handläufe, rutschfeste Badezimmermatten, Entfernung von Türstaffeln oder Teppichen. Wichtig dabei ist ein altersgerechtes Design.

 

Vorstufen der Gebrechlichkeit, Erkennen eines Risikos für Stürze

Bruno Vellas beschreibt in der WHO Bulletin die Gebrechlichkeit von älteren Personen und eine entsprechenden Vorsorge und Versorgung. Der Begriff Gebrechlichkeit wird in der Definition von Linda Fried (Colombia University of New York) so definiert:  Wenn 1 von 5 standardisierten Merkmalen zutrifft besteht eine "Vorstufe der Gebrechlichkeit" und ab 3 zutreffenden Merkmalen ist eine "Gebrechlichkeit" anzunehmen. Die Merkmale sind:

- Unfreiwilliger Gewichtsverlust

- Sitzender Lebensstil mit geringer physischer Aktivität

- Erschöpfung

- Langsame Gehgeschwindigkeit

- Muskelschwäche

 

Ein Screening auf Sturzrisiko ab einem bestimmten Alter, wie in der Arbeit von Leanne Currie empfohlen, soll zu individualisierten Präventionsmaßnahmen führen. Ein Risiko-Screening allein, dem keine Maßnahmen folgen, ist jedoch unzureichend.

 

 

In Österreich gibt es bereits einige Ansätze zur Sturzprävention auf Projektbasis. Vielfach entstehen diese Ansätze in regionalen Settings und sind dann an dieselben angepasst. Die Ereignisorte für Stürze sind zu Hause, als Fußgänger und im Rahmen von Verkehrsunfällen. Je nach Gewichtung der Ursachen werden die Sturzpräventionsprogramme auf die Ausschaltung dieser Ursachen abgestimmt. Die Wirksamkeit von Sturzpräventionsprogrammen, die vielfach auch Bewegungsanteile inkludieren, hängt vom Alter, vorherigen Stürzen, bestehenden Erkrankungen und allgemeiner Gebrechlichkeit der TeilnehmerInnen ab.

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Kommentare: 1
  • #1

    Wiel Verheijen (Donnerstag, 04 Januar 2018 22:55)

    Sehr geehrte Dame/Herr
    Ich habe Ihre Artikel mit großem Interesse gelesen. Man sieht es immer mehr, Teppiche in Seniorenheimen, und "Sie sehen gut aus und lockern das Gesamtbild auf – Läufer und freiliegende Teppiche". Aber die Gefahr wird unterschätzt und es kommt immer wieder vor das es schwere Unfälle gibt. Aber einen Teppich gehört zu Oma, das war schon immer so. Mit diesen Gedanken haben wir Klebeteppiche auf den Markt gebracht. Klebeteppiche in alle Maßen, Modellen und Farbe, sehe unsere Webseite. Da Sie viele Tipps geben um Unfälle zu verhindern, ist meine Frage jetzt wäre die Klebeteppichen eine Lösung ? https://meine-alte-haustür.de/klebe-teppiche/
    Mit freundlichen Gruß
    Wiel Verheijen